Mantis-"Mixturen"

Geschichte, Inhalte, Techniken, Training...

Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Sifu » 30.06.2010 09:47

in diesem thread könnt Ihr die
befremdendsten Mantis-Videos links etc
sammeln

es gibt eine Menge!!!

erstes Beispiel:
eine Mischung aus Hsing I (Innerer Stil),
Modern Wu Shu
und scheinbaren Mantis-Elementen


http://www.youtube.com/watch?v=NhXXP8_TNSg

http://www.youtube.com/watch?v=NhXXP8_TNSg

:( :( :( :( :( :( :(

die wichtigsten Komponenten:
ein satin-grüner Anzug (sehr mantismäßig!!!)
Geschaukel mit Mantis-Handhaltung
extrem wirre Armbewegungen


zweites Beispiel mit denselben Stilmitteln:
der mittlerweile weltberühmte Donnie Yen
in seiner Modern Wu Shu -Jugend

Modern Wu Shu Mantis
http://www.youtube.com/watch?v=SlWAQVp1fG4



nur zum Vergleich:
so sah der Mantis-Stil noch vor 70/80 Jahren aus,
bevor die Bewegungen und Techniken ganz dem
Aussehen geopfert wurden

Meister Luo Guang Yu ist mein Ur-Großmeister,
die gezeigte Form ist die Bung Bo Kuen,
die bedeutendste Mantis-Form, so wie sie mal
ausgesehen hat


http://www.youtube.com/watch?v=K6IZa_gXxTg


aber in dieser Weise wird heute nur noch in
Hong Kong, Taiwan, Malaysia etc. und von den
Auslands-Chinesen trainiert
in der Volksrepublik China nicht...
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Re: Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Jochen Wolfgramm » 25.07.2011 22:39

Hallo,

ersteinmal: klasse, dass ich hier mitreden darf! :-) Und: wow, hier ist ja ne Menge los für ein Schulinternes Forum. Hut ab. :smile:

Aber nun zum Thema.

Die geposteten Beispiele sind natürlich ein Beispiel, wie es schlechter nicht geht. Da ist nicht wirklich viel Tang Lang zu sehen. Allerdings darf man auch die Gründe dafür nicht vergessen. Die KP hat nunmal seit einigen Jahrzehnten in China ein Großteil aller Dinge die an die Öffentlichkeit dürfen in ihrem Sinne beeinflußt. Das Ergebnis hat in den wenigsten Fällen mit den ursprünglichen Ideen noch etwas gemein.

Aber generell das Tang Lang der Volksrepublik China und zB auch der Republik China/Taiwan als nicht mehr traditionell zu bezeichnen, halte ich für etwas übers ziel hinausgeschossen. China ist groß und selbst die KP hat nicht die Möglichkeiten und die Macht alles zu reglementieren und in ihrem Sinne zu verändern. Ich habe Lehrer in China getroffen, die während der Kulturrevolution mit ihrer Familie "Hausarrest" hatten und so den ganzen Tag über im Hinterhof ungesehen Traditionelles Kung Fu trainiert haben. Und diese Lehrer sind nicht selten.
Beispiele:

Eine Form aus dem Liu He Tang Lang. Sun Laoshi ist der Kung Fu Bruder meines Tong Bei Lehrers Zhang Laoshi. Er hat nichts mit Modern Wushu zu tun.


Ein Mix aus dem MeiHua Tang Lang. Nikolaus Deistler ist ein Freund aus Österreich von mir, der in der Volksrepublik das Tang Lang lernt und das sehr traditionell.


Techniken des QiXing Tang Lang vom verstorbenen Lehrer von Brandan Tunks.


Eine Form aus dem Babu Tang Lang. Damon Huang ist ein Kung Fu Freund und Bruder meines verstorbenen Tang Lang Lehrers Mike Martello gewesen. Er kommt aus Taiwan und trainiert und lehrt sehr traditionell.

Meiner Meinung nach ist das Tang Lang in Hong Kong dahingegen seid gut 100 Jahren isoliert und dementsprechend fand ein gewisser Rückschritt statt. Die Schulen in Hong Kong waren untereinander in Konkurrenz oder in Freundschaft verbunden und haben sich so sehr gegenseitig beeinflußt. Allerdings fehlte der Austausch Ausserhalb HK. Dann kam der Westen. Natürlich fanden nach Bruce Lee gerade die Lehrer aus HK besonders Gehör bei den Ausländern. Also wurde das Kung Fu aus Hong Kong schnell zum Status Quo. Was es allerdings objektiv betrachtet nicht wirklich ist.

Seit der vermehrten Öffnung der Volksrepublik und des Internets, dem immer größer werdenden "Kung Fu" Tourismus (durchaus positiv gemeint) nun auch in der Volksrepublik China, ist man in der Lage ursprünglicheres Tang Lang kennen zu lernen und die Unterschiede zu sehen und verstehen zu lernen. Eine chance für die Tang Lang Szene in jedem Land.

Aber das ist natürlich nur meine bescheidene Meinung. :)
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Re: Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Sifu » 25.07.2011 22:51

ich habe auch genug Meister aus der Volksrepublik gesehen,
mich unterhalten, verglichen,
und auch von ihnen gelernt


Der Einfluss des Modern Wu Shu konnte an keinem Meister,
auch nicht an den alten Meistern in der Volksrepublik vorbei gehen
denn spätestens ihre Schüler wollten neben dem Modern Wu Shu nciht so "alt" aussehen :mad:


so sah der Sieben Sterne Stil in Shanghai vor 70, 80 Jahren aus;
von Meister Lo Kwang Yuk selbst
das findet man heute nur noch außerhalb der Volksrepublik



http://www.youtube.com/watch?v=K6IZa_gXxTg


Vergleichsbeispiel:
Sieben Sterne Stil in Penang Malaysia,
Linie von Meister Wong Kam Hung



http://www.youtube.com/watch?v=_79SYe2xHbI&feature=related

es ist erstaunlich, wie genau überliefert wurde;
in Hong Kong , außerhalb Hong Kongs...
das ist z.B. im Adlerklauen-Stil oder sogar im Hung Gar auch innerhalb der Linien
von Meister Ng Wai Nung oder der schier unzähligen Schüler von Meister Lam Sei Wing
nicht immer in ähnlicher Weise der Fall


mehr Arbeit als das Einstellen dieser Videos lohnt meines Erachtens nciht
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Re: Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Jochen Wolfgramm » 26.07.2011 00:04

Sifu hat geschrieben:ich habe auch genug Meister aus der Volksrepublik gesehen,
mich unterhalten, verglichen,
und auch von ihnen gelernt


Der Einfluss des Modern Wu Shu konnte an keinem Meister,
auch nicht an den alten Meistern in der Volksrepublik vorbei gehen
denn spätestens ihre Schüler wollten neben dem Modern Wu Shu nciht so "alt" aussehen :mad:


so sah der Sieben Sterne Stil in Shanghai vor 70, 80 Jahren aus;
von Meister Lo Kwang Yuk selbst
das findet man heute nur noch außerhalb der Volksrepublik



Naja, ich finde das eben nicht. Es gibt unzählige Lehrer in der Volksrepublik die ebenso schlecht auf Modern Wushu zu sprechen sind, wie Du. Und das zurecht.

Ja gut, so sah er zu der Zeit aus. Aber wer sagt, dass das noch nah am Ursprung war? Ist das Übernehmen von "alten" Dingen immer gut? Ich halte nichts von Veränderungen nur um der Veränderung willen. Das ist genauso kontraproduktiv. Aber eine Entwicklung sollte es doch trotzdem geben?

Naja, aber ich will auch nicht zuviel Arbeit machen :roll:
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Re: Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Jörn » 26.07.2011 00:59

Wofür gibt es Schüler? :mrgreen:

zum Thema:
Dies geht dem Beispiel einer wissenschaftlichen Arbeit schon sehr nah.
Man kann diesbezüglich aber auch die Definition von Kreativität ganz gut als Beispiel heran ziehen.
Kurz: Copy -> Transform -> Combine

Entwicklung ist, wenn man mindestens zwei Sachen kombiniert,
um etwas neues daraus zu erschaffen, was einen Mehrwert bringt.


Doch auch eine wissenschaftliche Arbeit bezieht sich immer auf eine ganz bestimmte Thematik: die Forschungsfrage!

Was ist also der Gegenstand der Entwicklung?
Was möchte man entwickeln?

Die Thematik erfassend, die hier angesprochen wurde,
kann ich nur auf Bruce Lee's Ansätze verweisen.
Seine Überlegungen wurden vor einem ganz bestimmten Hintergrund,
einen ganz bestimmten Gegenstand betreffend formuliert.
Er ist für dieses Thema die wohl nach wie vor revolutionärste Referenz.

Entwicklung ist definitiv wichtig!
Aber wenn wir das Thema Modern Wushu mit traditionellem Kung Fu in Verbindung setzen,
so kombinieren wir Dinge, die in ihrer Gegenständlichkeit von Grund auf verschieden sind.

Das Ergebnis mag zwar interessant sein, aber bestimmt nicht mehr das was Bruce Lee unter Effektivität
bzw. Steigerung dieser verstanden hat!


Soviel ist schonmal klar.

Doch wie wirken sich die territorialen Verschiebungen, Grenziehungen,
die Abgeschiedenheit od. Abgeschnittenheit auf die Veränderung der jeweiligen Stile aus?
Unter welchen Gesichtspunkten wurde eine Entwicklung herbei geführt?
Wer musste beispielsweise direkter als andere die Kunst der Anwendung unterziehen?
Wo hat man eher versucht durch neue imposante Methoden die Menschen an sich zu binden?
...usw.

Schwierige Frage!
Die Geschichte ist in diesem Zusammenhang sicher der wichtigste Bezugspunkt.

Aber die Lösung eher im freien Felde als in den Besatzungsgebieten zu sehen ist meiner Meinung nach etwas zu einfach.
So könnte man auch sagen, die Boxeraufstände sind auch eine gute Referenz für traditionelles Kung Fu, dass sich wohl bewährt haben muss.

Und wie geht man nun mit dieser Situation um?

Überspringt man diese einschneidende Zeitspanne für die traditionellen Künste und setzt vor der Revolution an?
Und/Oder legt man den Fokus auf den Vergleich der Stile zur heutigen Zeit und bwertet sie anhand der Definition
und dem eigenen Verständnis von Effektivität?
Wie zuverlässig mag dies sein hinsichtlich der Tatsache, dass subjektive Faktoren nicht ausschließbar sind?!

Ein Fall für die Praxis, so wie es scheint.
Vertrauen! Probieren! Verstehen!
Diskutieren bringt uns ab diesem Punkt zumindestens nicht mehr wesentlich weiter.
Vulpes pilum mutat, non mores.
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Re: Mantis-"Mixturen"

Beitragvon Key to Kung Fu » 13.11.2018 00:35

Hallöchen Freunde,

ich bin neu hier im Forum, weil ich mich auch unbedingt an der Diskussion beteiligen wollte.
Nun ich sehe es auch so wie Wolfgramm. Wer sagt einem denn, dass das Kung Fu was es vor 70 Jahren gab genau das selbe wie vor 500 Jahren war? Wenn man sich einmal die Entwicklung der letzten 70 Jahre anschaut, dann wird einem wohl bewusst, was die letzten 500 Jahre wohl alles hinzuerfunden, kombiniert und geändert wurde.
Wir sehen Lo Kwang Yuk immer als Präferenz, doch wieso? Nur weil es alt ist? Was wäre denn wenn der Gute auch an den Formen rumgebastelt hätte? Ist es dann besser, nur weil es Lo Kwang Yuk getan hat als irgendein moderner Mantis Futzi?

Dinge zu kombinieren wird immer als so furchtbar dagestellt. Jedoch wird dabei ganz vergessen, dass Wang Lang doch genau das Selbe getan hat.
Er hat 17 Stile kombiniert und sich seinen eigenen Kram in Form von Mantis Elementen noch dazu erfunden.
Er hat nicht das kombiniert, was die besten Techniken waren, sondern solche mit welchen er selbst am besten klar kam.
Was hat Bruce Lee gemacht hat, er hat sich auch seinen eigenen Kram kombiniert, sodass es für ihn funktioniert hat.
Dies ist also absolut nichts neues, sondern in der Kampfkunst ganz normal. Man trainiert es so, wie es für einen persönlich am besten funktioniert. Dinge zu trainieren mit denen man nicht klar kommt, machen auch garkeinen Sinn.

All diese Leute kombinieren und wir finden es total toll... Aber eben nur weil das Etiket Bruce Lee oder Wang Lang drauf klebt.
Aber wir kleinen Lichter dürfen ja partout keine eigenen Formen entwerfen, wer sind wir denn schon im Schatten des großen Wang lang...?
Dabei wird allzuhäufig vergessen, dass Formen sowieso nur das Medium gewesen sind um sich die Technikkombinationen besser merken zu können, nichts weiter.
Wenn das so wie der Xing Yi Mantis Heini seine Formen bastelt und läuft für ihn so von der Anwendbarkeit her Sinn ergibt, sehe ich da garkein Problem bei. Also wenn sich wenigstens dabei was gedacht wurde. Deswegen heißt es ja dann auch Xing Yi Mantis und eben nicht Sieben Sterne Mantis.
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